Der sanfte Riese

In der Print-Ausgabe 2/2021 von „Bock auf Handball“ nimmt uns der deutsche Nationalspieler Finn Lemke (MT Melsungen) mit in seine Küche und spricht dort über seine Leidenschaft für das Backen und die Erziehung seiner Kinder. Zudem erläutert er uns seine Philosophie von Abwehrarbeit. In der Fortsetzung dieses Interviews dreht sich jetzt alles um seine dualen Karriereplanung. Denn als Finn Lemke (geboren am 30. April 1992 in Bremen) mit 19 Jahren von der heimischen HSG Schwanewede/Neuenkirchen zum TBV Lemgo wechselte, da begann er zeitgleich eine Ausbildung zum Bankkaufmann.

Finn, Du hast Deine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse Lemgo mit der Note 2 abgeschlossen…

Dieser Abschluss war mir enorm wichtig, denn ich war schon damals kein großer Fan davon, alles auf den Handball auszurichten. Mit 18 Jahren wollte ich in die Welt hinaus, soziale Arbeit studieren, die Welt retten und irgendwie besser machen, mich engagieren. Der Handball war zu dem Zeitpunkt tatsächlich eher zweitrangig. Aber als das Angebot von unserem Partnerverein TBV Lemgo kam, dort für drei Jahre in die U23 zu wechseln, da redeten mir meine Eltern gut zu, dass ich in dieser Zeit dort auch eine Ausbildung machen könne. Darüber bin ich heute sehr froh. Später habe ich dann auch noch angefangen, Soziale Arbeit zu studieren. Aber das Studium pausiert momentan. Und ehrlich gesagt weiß ich derzeit angesichts der Kinder und Familie gar nicht, ob ich später noch dazu kommen werde, es fortzusetzen.

Aber eigentlich bist Du noch mittendrin? 

Ich sage immer, es pausiert. Ich möchte es aber durchaus noch fortsetzen. Die Frage, was ich nach dem Handball mal machen möchte, beschäftigt mich sehr. Vor allem auch, weil die Familie inzwischen größer geworden ist. Ich kann es noch nicht versprechen, aber es wäre schon mein Wunsch, mich so noch einmal selbst zu verwirklichen.

Was genau meinst Du mit „verwirklichen“? 

Einfach eine Arbeit zu finden, die mir Spaß macht und zu der ich gerne hingehe – genauso wie ich es jetzt gerade mit dem Handball erlebe. Einfach die Arbeit an sich zu genießen, das ist mein Ziel. Ob das nachher bei einer Arbeit mit behinderten Menschen der Fall sein wird, so wie ich es immer gesagt habe, weiß ich noch nicht. Aber ich wünsche es mir. Ich bin gespannt, wie es dann wirklich ist, wenn die harte Realität auf mich zukommen wird. Aber Wünsche, Ziele und Hoffnungen zu haben, ist immer wichtig.

Hast Du bereits praktische Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung gesammelt?

Nach meiner Ausbildung habe ich zunächst sechs Monate ehrenamtlich in einer Behinderteneinrichtung in Lemgo gearbeitet. Zunächst war es ein Praktikum, aber dann habe ich noch ein bisschen was drangehängt. Eigentlich hatte ich mich nach der Ausbildung darauf gefreut, endlich mal nichts zu tun. Doch dann habe ich irgendwann angefangen zu überlegen: Entweder spiele ich jetzt nur PlayStation oder aber ich tue etwas Sinnvolles. Und so habe ich dann schon einmal im Hinblick auf mein Studium das Praktikum absolviert. Es hat mir schließlich so gut gefallen, dass ich danach einfach weiter gearbeitet habe. Ich habe eine richtige Leidenschaft dafür entwickelt. Ich unterstütze in diesem Zusammenhang auch die Bewegung Unified Sports (dort machen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport, Anmerkung der Redaktion), in dem ich ab und zu auch mal ein Training gebe. Ich weiß es zu schätzen, dass ich derartige Möglichkeiten habe.

Was genau hast Du in der Behinderten-Einrichtung gemacht?

Am Anfang durfte ich mir als Praktikant die Abteilungen anschauen. Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass mir die direkte Arbeit mit den behinderten Beschäftigten am meisten Spaß macht, weniger der organisatorische Teil. Der Praxisbezug und die absolute Ehrlichkeit,  die einem dort entgegengebracht wird. Dieses Geradeheraus, einfach auch mal unbequem sein, keine Rücksicht zu nehmen – das hat mir an den Menschen dort sehr gefallen.

Dennoch verbergen sich hinter dem einen oder anderen Charakter auch schwere Schicksalsschläge. Kannst Du diese Umstände einfach so wegstecken oder lässt du sie gar nicht erst so nah an dich ran?

Als Praktikant hatte ich natürlich keinen Einblick in die Akten, aber darüber habe ich viel mit den Betreuern gesprochen. Einige Sachen sind sehr, sehr traurig, die aber einfach passieren in unserer Gesellschaft. Darüber muss man sich klar werden, diese Dinge kann man auch nicht einfach wegreden. Aber wie geht man damit um? Man kann es nicht abschalten, dass es einem nahe geht. Das geht einfach nicht. Aber man darf den Betroffenen niemals das Gefühl geben, dass man großes Mitleid mit ihnen hat. Denn das will keiner. Sie wollen stattdessen einfach eine gute Zeit verbringen, dabei ihrer Arbeit nachgehen, die ihnen wichtig ist. Und sie möchten ein Gruppengefühl haben, einfach mit Leuten zusammen sein. Das habe ich mir dann zu Herzen genommen, sie dann so genommen, wie sie sind, und habe nichts hinterfragt. Ihnen stattdessen einfach ein Lächeln geschenkt und ihnen zugehört. Und gemeinsam mit ihnen Schrauben sortieren… (lacht).

Hat Dir das neue Blickwinkel eröffnet?

Seien wir mal ehrlich: Wir Handballer oder Profisportler leben oftmals, wenn man es realistisch betrachtet, in einer Hochglanzgeschichte. Wir haben ein bisschen Training, manchmal vielleicht auch ein bisschen mehr (lacht), sind unter uns. Die Leute haben Zeit, finanzielle Sicherheit, und allen geht es gut. Klar verliert man auch mal Spiele, und das ist dann auch richtig blöd und macht keinen Spaß. Aber wir dürfen nie vergessen, dass wir einfach viel Glück gehabt haben mit dem, was wir jetzt machen dürfen.

Was hast Du alles erlebt?

Eine Geschichte ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Ich war damals während eines großen Fußball-Turniers zu einem Public Viewing in der Werkstatt eingeladen. Insgesamt waren rund 100 Beschäftigte und Betreuer dort, darunter auch meine jetzige Frau und ich. Wir hatten uns natürlich auch entsprechende Trikots angezogen. Als das Spiel losging, fingen die Jungs alle an zu klatschen und das ging so weiter, egal wer den Ball hatte. Es war einfach eine ganz große Sause. Wir standen dann später an einer Bratwurstbude, dort kam jemand auf mich zu und zeigte mir, dass er einen Euro bekommen hatte. Er sagte: „Guck mal, Finn, ich habe einen Euro. Dafür bekomme ich eine Bratwurst.“ Darauf hatte er sich schon seit Wochen gefreut. Da habe ich gedacht, wie schön es ist, wenn man sich so über die ganz einfachen Dinge im Leben freuen kann. Man muss es sich nur immer wieder in Erinnerung rufen. Oftmals entscheiden die kleinen Sachen das große Ganze. Das kann das Leben schöner machen.

Meist sind es kirchliche Träger in diesen Einrichtungen. Du selbst bist konfessionslos. Hat das einen Einfluss auf die Arbeit?

Was mich wirklich beschäftigt hat, ist, wie der Glaube vielen Kraft und Stärke gegeben hat, überhaupt ihren Tag zu schaffen. Diese Wucht, die dahinter stand, hat mich wirklich beeindruckt. Ich habe mit dem Thema Religion keine Berührungsängste.