Von Inhalten und Innehalten
Die Berliner Schnauze hat er nicht mitgebracht, dafür viel Haltung und Handball-Expertise. Kenji Hövels ist der nächste Hauptstadt-Import von TuSEM Essen: Berliner Schule, Bob Hanning als Wegbegleiter, Fokus auf Entwicklung. Da liegt der Vergleich mit Jaron Siewert nahe – und greift dennoch viel zu kurz.
Kenji Hövels ist keiner, der sich über Lautstärke definiert. Kein Lautsprecher, keiner, der mit großen Bildern um sich wirft, um kleine Schritte zu kaschieren. Der 32-Jährige setzt auf Inhalte. In Ruhe, dafür hart und akribisch arbeiten – wer Sprüche oder Luftschlösser sucht, wird bei ihm nicht fündig. „Ich bin kein Freund von zu viel Konjunktiv“, sagt er. „Träumereien bringen einen nicht weiter. Ich bin realistisch, arbeite und denke im Hier und Jetzt.“
Es ist ein eher leiser Ton. Aber einer, der trotzdem verfängt. Offenbar auch bei den Verantwortlichen des Traditionsvereins TuSEM Essen. Vielleicht ist die ruhige und sachliche Art genau das, was der Zweitligist gerade braucht. TuSEM Essen: Das ist viel Tradition, das sind Erinnerungen an glorreiche Europapokal-Nächte, an Zeiten, in denen der Klub aus der Malocher-Stadt noch im obersten Regal angesiedelt war. Tradition ist hier nicht bloß Folklore, sondern ein Echo, das auch heute noch bei jedem Heimspiel mitschwingt. Nur: Die Heimspiele werden schon lange nicht mehr gegen Kiel oder Kielce in der großen Grugahalle ausgetragen – sondern gegen Dessau und Dresden in der erheblich kleineren Halle „Am Hallo“.
Hövels weiß das. Und er macht etwas, das in einem Umfeld mit der Tradition entsprechender Erwartungshaltung nicht selbstverständlich ist: Innehalten. Er, der langjährige Fuchs, schaut erst einmal aus der Vogelperspektive drauf – und akzeptiert die Ausgangslage und die Rahmenbedingungen. Es geht nicht um Stillstand, ganz und gar nicht. Sein Credo ist ruhige, realistische und handfeste Arbeit. Eine Tugend, die im Ruhegebiet gern gesehen ist.
Von der Hauptstadt in den Ruhrpott
Als Kenji Hövels im Dezember als neuer Cheftrainer vorgestellt wird, brennt sportlich wieder Mal der Weihnachtsbaum in Essen. TuSEM steckt mit nur fünf Punkten aus 14 Spielen mitten im Abstiegskampf.




