Kein Bock auf Rente!

In der Ausgabe 2/2021 von „Bock auf Handball“ sprechen die beiden Rekordmänner des deutschen Handballs, Carsten Lichtlein (40) und Christian Zeitz (40, beide GWD Minden), über ihre erfolgreichen Karrieren und den Antrieb, auch im hohen Profi-Alter in der Handball-Bundesliga zu bestehen. Was sie sonst noch zu sagen haben, verraten sie Euch hier!

Carsten Lichtlein und Christian Zeitz über…

…das Geheimnis, so lange im Profisport durchzuhalten  

„‚Du stehst nur im Tor‘ sagen sie immer“, sagt Carsten Lichtlein. „Natürlich ist es ein Fakt, dass ich als Torwart deutlich weniger Körperkontakt und damit auch weniger Verletzungen als ein Feldspieler habe. Vielleicht ist die Haltbarkeit deshalb einfach auch ein bisschen länger.“ Christian Zeitz ergänzt: „Als Feldspieler musst Du Dich in Angriff und Abwehr schinden, und das tut weh. Davon können ganz besonders die Kreisläufer ein Lied singen.“ Er hätte einfach Glück gehabt, dass ganz große Verletzungen ausgeblieben seien, sagt Zeitz. Und noch ein weiterer Punkt sei ausschlaggebend gewesen: „Ich habe mich frühzeitig aus der Nationalmannschaft verabschiedet, so eine Doppelbelastung vermieden. So konnte ich mir im Juni und Juli sowie im Januar immer wieder Auszeiten nehmen. Meine Operationen aufgrund von Verletzungen hatte ich in meiner Zeit als Nationalspieler, weil mein Körper einfach keine Pause bekam und sich nicht regenerieren konnte. Ich habe auf meinen Körper Acht gegeben.“

…über Krafttraining

Christian Zeitz liebt das Krafttraining, weil es ihm ein gutes Körpergefühl gibt, er sich danach einfach wohler in seiner Haut fühlt. Carsten Lichtlein dagegen hält sich an der Hantelstange und bei den Gewichten etwas zurück: „Was ich mache, ist Krafterhaltung und kein volles Krafttraining“, erläutert der Torwart. „Bei mir war die Schwachstelle mein Rücken. Daran musste ich viel arbeiten. Bis zu meinem ersten Bandscheibenvorfall in der Saison 2008/09 war ich kein einziges Mal beim Physiotherapeuten. Erst nach diesem Vorfall wusste ich dann, was Schmerzen sind. Ich habe vier oder fünf Jahre lang nur mit Schmerzmitteln gespielt, war erst 2013 wieder beschwerdefrei. Seitdem weiß ich, dass ich auf meinen Körper achten muss. Jetzt trainiere ich sehr dosiert und speziell. Torhüter brauchen halt auch andere Übungen als Feldspieler. Durch zu viel Krafttraining wird ja auch die Beweglichkeit eingeschränkt.“

…über Schinderei

„Viele Spieler könnten im hohen Alter noch spielen“, glaubt Christian Zeitz. „Aber man muss dann natürlich auch mehr für seinen Körper tun. Die Frage ist, ob man das dann noch möchte. Die Schinderei ist schließlich ein Teil unseres Jobs. Aber ich mache das gerne! Ich gehe zum Beispiel gerne früh morgens laufen, um den Kopf frei zu bekommen, habe gerne viele Extraeinheiten im Kraftraum absolviert. Aber ich habe festgestellt, dass es Monate gibt, in denen es besonders weh tut, zum Beispiel im März und April: Wenn man dann alle drei Tage ein Spiel hat, wird es auch schwierig für den Kopf. Den Körper dann noch mal aufzuraffen, fällt mir dann besonders schwer. Aber da muss man durch. Wenn man am Ende Erfolg hat, dann fällt’s beim nächsten Mal umso leichter.“

…den Erfolg als Heilmittel für die Schmerzen

„Natürlich tun einem morgens beim Aufstehen die Knochen weh“, gibt Christian Zeitz unumwunden zu, „aber so richtige Schmerzen habe ich bislang nicht gehabt. Aber mitunter ist es einfach anstrengend für den Kopf. Es gab Tage, da hatte ich kein Bock, ins Training zu gehen. Da hätte ich alles dafür gegeben, mal einen Tag frei zu bekommen. Aber es ging halt nicht. Für mich war immer klar: Man sieht den Erfolg erst hinterher! Für mich war immer der Antrieb, am Ende etwas zurückzubekommen – und das waren der Erfolg und die Titel.“ Carsten Lichtlein betont die mentale Komponente: „Je länger die Saison dauert, umso schwieriger ist es, immer wieder vor jedem Spiel neu in diesen Tunnel zu kommen, um seine Leistung abrufen zu können.“

…Zielsetzungen

„Bei GWD Minden sind die Ziele natürlich andere als beim THW Kiel“, vergleicht Christian Zeitz seinen aktuellen Arbeitgeber mit dem deutschen Rekordmeister. „Hier geht es darum, den Verein vor dem Abstieg zu bewahren.“ Im unteren Tabellendrittel müsse man sich schlicht andere Ziele setzen als im oberen. „Aber der Kampf ist vermutlich genauso schwierig“, sagt Zeitz mit seiner Erfahrung aus beiden Klubs, „hier in Minden gibt es andere Problem. Abstimmungsprobleme im Spiel hat es in Kiel nie gegeben. Daran hier zu arbeiten und meine Mitspieler bei GWD besser zu machen, indem ich ihnen vielleicht den einen oder anderen Tipp geben kann, ist etwas, was mich antreibt.“

Und auch den persönlichen Erfolg definiert der Rekord-Titelsammler inzwischen anders: „Für mich ist es ein persönlicher Erfolg, wenn ich noch immer mit den jungen Spielern mithalten kann. Ab und zu werde ich zwar ,Opa‘ von ihnen gerufen. Aber dann hat der Opa ihnen auf dem Platz eben mal eine reingehauen!“

…alte Trainingsmethoden

„Unter Noka Serdarusic sind wir in der Vorbereitung immer morgens um 6 Uhr in Varel um den Mühlenteich gelaufen, während er auf einer Parkbank saß und seine Zigarette rauchte. Von dort aus hatte er uns fast auf der kompletten Runde im Blick“, erinnert sich Christian Zeitz schmunzelnd an die THW-Trainingslager in Ostfriesland zurück. „Und dann hieß es: Wie schnell sollen wir laufen, Trainer? So schnell Du kannst! Da gab’s noch keine Pulsuhr. Heutzutage macht so etwas keinen Sinn mehr.“

…über ein zweites Standbein

Carsten Lichtlein ist Steuerfachgehilfe. „Ich hatte bislang das Glück, dass ich einigermaßen verletzungsfrei durch meine bislang 21 Jahre Bundesliga hindurch gekommen bin. Aber ich wollte mich nie darauf verlassen“, betont er, „deshalb habe ich mir ein zweites Standbein verschafft“. Der Torwart hatte das „schon in jungen Jahren kapiert“. Sein ursprünglicher Plan, eine Ausbildung bei der Sparkasse in Großwallstadt zu absolvieren, zerschlug sich allerdings. „Weil schon so viele Spieler von uns dort waren, haben sie mir abgesagt. Stattdessen bin ich dann ins Steuerbüro gegangen. Und das tue ich noch heute. Derzeit arbeite ich im Home Office für meinen Arbeitgeber aus Gummersbach.“ Und das hat neben dem Sicherheitsaspekt noch einen zweiten Vorteil:  „So lenke ich mich natürlich automatisch vom Handball ab. Gerade nach schlechten Spielen, nach denen man alles besser machen möchte, muss man aufpassen, nicht zu verbohrt an die Sache heranzugehen und sich nicht selbst zu blockieren. Da tut ein Ausgleich ganz gut – bei mir sind’s die trockenen Zahlen im Steuerwesen.“

… Siegerehrungen

Christian Zeitz ist zwar Deutschlands erfolgreichster Titelsammler im Handball, aber bei Siegerehrungen stand er meisten in der hintersten Reihe und hat nur ganz, ganz selten mal die Trophäe angefasst. „Ich habe mir immer gesagt: Ihr könnt den Pokal hochheben, ich gewinne ihn halt nochmal. Das war für mich ein großer Ansporn.“

… die Weltmeisterschaft 2007

Beide gewannen bei der Heim-Weltmeisterschaft 2007 mit Deutschland die Goldmedaille. Carsten Lichtlein muss herzlich lachen, wenn er an eine Begebenheit im Anschluss an das Halbfinale gegen Frankreich denkt: „Zeitzi hatte während der WM einen privaten Presse-Boykott verhängt und ist dann nach unserem Finaleinzug wortlos durch die Mixed Zone und an allen Medienvertreter vorbei gelaufen, hielt stattdessen ein Schild hoch: ,Brauche noch Karten fürs Finale!‘ Das war großartig, das werde ich nie vergessen. So ist Zeitzi!“

Inzwischen ist die WM aber weit weg für beide. Für Christian Zeitz ist sie heute sogar „Fluch und Segen zugleich. Wenn Du Weltmeister geworden bist, dann erwartet man von Dir immer ein bisschen mehr als von anderen. Aber das ist 13 Jahre her. Der Weltmeister von damals muss heute nicht mehr alles können.“

…Sportler-Nahrung

Eine sportgerechte Lebensführung mit einer ausgewogenen Ernährung und wenig Alkohol ist für beide Profisportler selbstverständlich. Schließlich sind auch diese Faktoren maßgeblich für einen gesunden Körper. Manchmal gab es allerdings auch abgewandelte Auffassungen: „Regeneration fängt direkt nach dem Spiel an. In Kiel haben wir direkt nach dem Spiel unsere Akkus mit Salzstangen und Cola wieder aufgefüllt. Und manchmal haben wir auch Thunfisch-Pizza in die Kabine bestellt“, erinnert sich Zeitz. Zwei besondere Vorgaben sind ihnen auch noch in Erinnerung geblieben: „Bei Trainer Dirk Beuchler durften wir vor Spielen nie Pilze essen“, verrät Carsten Lichtlein. Und Zeitz muss lachen, wenn er an seinen ehemaligen Mitspieler, das französische Sprungwunder Daniel „Air France“ Narcisse, denkt: „Daniel hat immer gesagt, wenn er Tomaten isst, dann verletzt er sich.“