Der Jäger

Tom Kiesler sitzt abends auf dem Hochsitz, schaut durchs Fernglas – und denkt an nichts. Kein Gegner, keine Tabelle, kein Druck. Nur Wald, Ruhe, Revierrunde. Am nächsten Tag ist er wieder das Gegenteil: laut, physisch, kompromisslos in der Abwehr, mit klaren Ansagen und ohne Angst vor großen Namen. Von einem „Draußenkind“, das seine Energie aus Stille zieht – um drinnen in der Halle dann alles rauszulassen.

Freitagmittag. Tom Kiesler ist unterwegs in seinem Revier, einem Forstgebiet ein paar Kilometer nördlich von Gummersbach im Oberbergischen. 25 Jahre jung, 1,91 Meter groß. Und auch die Ambitionen sind groß, das wird schnell klar. „Ich bin auf der Jagd nach Titeln“, sagt er.

Wenn Tom Kiesler über Titel spricht, klingt das bei ihm sehr natürlich, beinahe instinktiv. Jeder Sportler sei so, schiebt er hinterher – „unabhängig davon, was er neben dem Feld macht“. Aber bei ihm wirkt es doppelt stimmig. Weil es bei dem gebürtigen Hessen zwei Jagden gibt. Die eine findet in der Halle statt, laut, mit Körperkontakt. „Da ist einer mit dem Ball – der muss erst mal an mir vorbei“. Die andere beginnt da, wo viele Handballer vielleicht eher nervös werden würden: nachts allein im Wald, wenn es knackt, raschelt, lebt.

Während seine Mannschaftskollegen des VfL Gummersbach im Bett liegen, liegt er auf der Pirsch. Oder sitzt auf dem Hochsitz. Fernglas. Spektiv. Stille. Keine Kabine, keine Musik, kein Handball. Kiesler schaut hinaus, beobachtet das Wild – und sagt: „Ich denke ehrlich gesagt in dem Moment an nichts anderes.“ Abschalten ist bei ihm kein Wellness-Begriff, sondern ein Werkzeug. Ein tägliches, bewusstes Gegenmittel zur Hektik und dem Druck im Profisport. Ich versuche jeden Tag zumindest eine kleine Revierrunde zu drehen – egal, ob eine halbe Stunde oder zwei Stunden. Hauptsache raus. Hauptsache Natur. Einfach mal die Seele baumeln lassen.“

Wer jetzt das Bild vom einsamen Jäger und kantigen Waldschrat im Kopf hat, liegt nur halb richtig. Kiesler kann auch sehr gut „gesellig“. Dann nimmt er Freunde mit auf den Ansitz – damit sie „besser nachvollziehen können“, warum er das macht und warum er so oft draußen ist. Und dann? „Unterhalten wir uns. Flüstern.“ So, als würde man sich im Wald auf natürliche Weise an die Regeln des Ortes anpassen. Wie in einer fremden Halle: Du merkst sofort, was geht – und was Du besser lassen solltest.

In einer Handballkabine wird über vieles gelacht. Über ausgefallene Frisuren, über bunte Schuhe, über schrägen Musikgeschmack. Aber über die Jagd? „Tatsächlich überhaupt nicht“, sagt Kiesler. Kein Gegenwind, kein Kabinen-Gekicher. Eher Verständnis. Vielleicht auch, weil er seine Sicht ruhig erklärt: Wer Fleisch essen will, so Kieslers Haltung, findet „ethisch korrekter“ kaum etwas, als es selbst zu beschaffen und zu wissen, woher es kommt …

Den vollständigen Artikel zu Tom Kiesler findet ihr in der Ausgabe 24/2026 vom Magazin Bock auf Handball!

Børge Lund
Timo Kastening